CRISTINA BARROSO
Beyond tomorrow-claiming: Landscapes of uncertainties
anlässlich der Quadriennale Düsseldorf 2014
9 May – 4 July 2014


Über das Morgen hinaus


Chris Dercon
Die Aufmerksamkeit kann gesteuert werden, nicht aber das Gedächtnis.
für Cristina Barroso

Wir wissen, wie wir lange währende Erinnerungen erzeugen können. 
Aber was machen wir anschließend mit ihnen? 

Wir erschaffen Gedächtnispaläste und unterschiedlichste Landkarten.

Es handelt sich hier um alte Techniken, die jeder Erinnerung ihren eigenen 
Platz zuweisen: sie kombinieren räumliche und visuelle Systeme mit dem Ziel, 
abstraktere Informationen zu erlernen und so Dinge und Fakten des Lebens im 
Gedächtnis zu behalten, und um dann diese Bilder in ihre ursprüngliche Bedeutung 
zurück zu übersetzen.
Gedächtnispaläste sind angeblich auf den griechischen Denker Simonides zurück-
zuführen. Nach diesen frühen mnemotechnischen Methoden entwickelten Reisende 
und Forscher später weitere „Tricks“, um Beschreibungen und Einzelheiten zu 
erinnern und wieder ins Gedächtnis zu rufen.
Frances Yates beschreibt eine ganze Reihe von ihnen in seinem „Theater of memory“, 
einer Essaysammlung aus der Renaissance. Ihm folgte Jonathan Spencers Bericht 
über den China-Aufenthalt des italienischen Jesuiten Matteo Ricci.
Als der Historiker Tony Judt 2010 tief in einer amyotrophen Lateralsklerose steckte, 
rekonstruierte er in Anlehnung an Ricci sein Leben und seine Ideen mithilfe eines 
mnemomischen Schalters und einer Speichervorrichtung: seinem „Gedächtnis-Chalet“.
Die Bilder und Objekte von Cristina Barroso erinnern mich an die Objekte und Land
karten, die von Denkern der frühen Neuzeit, mittelalterlichen Reisenden und 
zeitgenössische Gedächtnismeister wie Tony Judt benutzt wurden.
In vergleichbarer Weise erfindet Cristina Barroso ihre narrativen Elemente, indem sie 
Daten und Fakten in Fiktion verwandelt. Sie tut dies offenbar, um die Komplexität 
ihrer eigenen Welt besser zu verstehen, in der sich die südliche und nördliche 
Hemisphäre - sowohl familiär wie in ihrer Arbeit - durchdringen. Sie liebt es, lange 
Listen zu erstellen, in die sie ihre Erfahrungen als Frau und Künstlerin in Form visueller 
Abstraktionen einträgt.
Sehr häufig nehmen ihre Ideen dabei die Form von Landkarten, Globen und wissenschaftlichen Modellen an oder erinnern an die Alchemie eines Athanasius Kirchners, 
an die farbintensiven geopolitischen Karten von Alighiero e Boetti, aber auch an 
Spielbretter und pharmazeutische Formeln.
Barroso kartographiert und reproduziert ihr Leben mithilfe von invertierten auto-
biographischen Materialien oder intimen Notizen, die alle von Ordnung und Unordnung 
Zeugnis ablegen. Dergestalt ist Cristina ständig dabei, ihre Erinnerungen zu ordnen 
und umzuordnen und dabei ihr eigenes Sein zu verorten. Marcel Proust schrieb hierzu: 
„Die Erinnerung an vergangene Dinge ist nicht notwendigerweise die Erinnerung an die Dinge, 
wie sie wirklich waren“.Die Aufmerksamkeit kann gesteuert werden, nicht aber das Gedächtnis: 
das ist der Grund, warum Cristina Barroso hier zur Kunst greift. 




Chris Dercon, London 26. Februar 2012


Über das Morgen hinaus


Chris Dercon
Attention can be re-directed, but not memory.
for Cristina Barroso

We know how to form long- lasting memories. But how do we look after them? We create memory-palaces and all sorts of maps. These are ancient techniques that give each memory a place of its own: they combine spatial and visual systems into the service of learning more abstract information, in order to remember things and facts of life. 
That is: to translate these images back to their original meaning. Memory palaces are said to be the brainchild of the ancient greek Simonides. After these early mnemonic devices, travelers and explorers developed other 'tricks' to store and recall description and detail.
Many of these are beautifully commented upon in the 'theatre of memory', the Renaissance essays of Frances Yates and more recently in Jonathan Spence's account of the journeys in China of the Italian Jesuit Matteo Ricci.
When historian Tony Judt, in 2010, got at the midpoint of decline of amyotrophic lateral clerosis, he reconstructed his life and ideas, inspired by Ricci, in the form of a mnemonic trigger and a storage device: a ‚memory-chalet‘.
The pictures and objects of Cristina Barroso, remind me of the objects and maps used by early modern thinkers, medieval travelers and contemporary memorizers such as Tony Judt.
Likewise, Cristina Barroso invents narratives, turning data and facts into fiction. She does apparently so, in order to understand better the complexities of her own world in which, through family and work, the southern and northern hemispheres are interwoven. Indeed, she likes to draw up long lists, enlisting through visual abstractions, her experiences, as a woman and an artist. 
More often than not, her ideas take on the forms of maps, globes and scientific models, referring to the alchemy of Athanasius Kircher, the colorfull geopolitics of Alighiero e Boetti but also to game-plans and pharmaceutical formulas.
Barroso charts and reproduces her life, through inverted, autobiographical materials as well as intimate notices, which all show and tell of order and disorder. As such Cristina constantly arranges and re-arranges her memories, mapping out her own being. Indeed, Marcel Proust once wrote: 'remembrance of things past is not necessarily the remembrance of things as they were'. Attention can be re-directed, but not memory: that is why Cristina Barroso, makes art about it.



Chris Dercon, London 26 February 2012.