SABINE MORITZ
Schiffe und Wasser
12 June – 18 July 2015

Opening, 11 June 2015
7 – 9 p.m.


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Silser See, 2015, Öl auf Leinwand, 131 x 101 cm


Ankerplätze für Gedanken
von Friedemann Sittig

„Als ich mich ihr in strahlendem Sonnenlicht auf einer bergab führenden Straße näherte, kam sie mir wie etwas Schwebendes, wie ein zitterndes lebendiges Ungeheuer vor, das bereit war, sich auf mich zu stürzen.“ So beschreibt Charly Chaplin seine erste kindliche Begegnung mit der See.

Der Mensch ist dafür gemacht auf dem Land zu leben, doch das Meer lässt uns nicht los. Wir haben einen natürlichen Respekt vor den Gewalten, seiner Kraft und seiner Tiefe, finden vielleicht gerade deshalb am Meer zu uns selbst. Studien des britischen Sheffield Cognition and Neuroimaging Laboratory haben ergeben, dass beim Anblick des Meeres jene Gehirnregionen, in denen man die soziale und selbst-referenzielle Verarbeitung vermutet, stärker mit den übrigen Hirnregionen in Austausch stehen als beim Blick auf andere Umgebungen. Es entsteht eine positive Ruhe, die Psychologen Tranquility nennen. An Bord von Schiffen erfahren wir das Meer wirklich. Und beherrschen es dennoch nie. Der Untergang der als unsinkbar gefeierten „Titanic“ bei ihrer Jungfernfahrt im April 1912 gilt bis heute als ein Sinnbild für menschlichen Hochmut gegenüber der Natur.

Die Bilder von Sabine Moritz rufen archaische Gefühle auf. Die in Köln lebende Künstlerin malt figurativ, dabei vermeidet sie bewusst Festlegungen. Moritz‘ Bilder zeigen schöne Orte, an denen man gern wäre, und transportieren eine melancholische Grundstimmung. Schiffe wirken dabei wie Ankerplätze für die Gedanken und Gefühle der Betrachtenden.

„Ich versuche für jeden Inhalt eine andere Lösung zu finden“, beschreibt Sabine Moritz ihre Malweise. Der starke Einsatz von Grau- und Weißtönen im Kontrast zum matten Rot des Schiffsrumpfes in „Deception Island“ lässt die Kälte förmlich spüren, die auf dieser Vulkaninsel am Rande der Antarktis herrscht. In „Juist (Watt)“ verengt Moritz das Meer bis auf einen schmalen Streifen zwischen Watt und Himmel, wodurch die Szene mit dem Mann und dem Kind am Ufer besonders friedlich wirkt.

Von manchen Themen, die ihr am Herzen liegen, malt Sabine Moritz mehrere Versionen. Manchmal verändert sie den Bildausschnitt, manchmal erreicht sie durch die Wahl der Farben eine andere Wirkung. Die erste Fassung von „Nach dem Sturm“ erscheint durch den kontrastreichen farbigen Himmel viel dramatischer und aufgewühlter als die zweite geradezu elegische Fassung. Die melancholische Lebensbetrachtung des Einsamen aus Friedrich Hölderlins Ode „Abendphantasie“ von 1799 ist darin spürbar: „Wohl kehren izt die Schiffer zum Hafen auch“. Der Begriff „Nach dem Sturm“ weckt das Gefühl der Erleichterung – ganz gleich wie schwerwiegend die Schäden sein mögen, die die Natur hervorrief.

Die Konstante in Sabine Moritz‘ Bildern ist diese Offenheit. Für ihre erste Einzelausstellung 2006 in London wählte sie den Titel „Limbo“. Das Wort, das auf den religiösen Begriff des Limbus zurückgeht, einen Ort zwischen der Hölle und dem Himmel, an dem die Seelen der noch nicht getauften Kinder verharren, steht für einen Schwebezustand, in dem die Zeit angehalten scheint. Ein Raum für Besinnung; kein Zwang mehr zum Handeln.

Dieser Verzicht auf Festlegungen, der sich durch alle Werke zieht, kennzeichnet die Kunst von Sabine Moritz – und ist ihre große Stärke. Dass ihre Bilder unbestimmt bleiben, ist kein Zeichen von Indifferenz, sondern von dessen Gegenteil: einer tiefen und durchdringenden Beschäftigung der Künstlerin mit ihrem Sujet.


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Juist (Watt), 2015, Öl auf Leinwand, 131 x 101 cm