ROY MORDECHAY
Partial models of truth
5 September – 11 October 2014


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Morning Memory, 2014, Oil on canvas, 180 x 155 cm


Die jüngsten Arbeiten von Roy Mordechay (*1976, Tel Aviv) positionieren das Individuum auf eine Bühne innerhalb eines eigenen Universums. Die chromatisch fein abgestuften, mal geheimnisvoll-dunklen, mal lieblich-pastellfarbenen, surrealen Landschaften werden von verschiedenartigen Wesen, seltsam funktionslosen Gerüsten und fragilem Geäst bevölkert. Diese Modelle der Wirklichkeit spielen auch in malerischer Hinsicht mit dem gesteuerten Zufall, wenn auf Leinwänden Tinte aquarellartig verläuft und mit Ölfarben kombiniert wird.
Die Ausstellung umfasst Ölgemällde und Aquarelle.

The recent work of Roy Mordechay (*1976, Tel Aviv) position the individual on a stage within their own universe. The chromatic finely graded, sometimes mysterious and dark, sometimes sweet-pastel-colored, surreal landscapes are inhabited by various creatures, strange functionless scaffolding and fragile branches. These models of reality play in a picturesque respect to the controlled random when on screens ink runs watercolor-like and is combined with oil paints. The exhibition includes canvases and watercolors.


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Night Memory 1, 2014, Oil on canvas, 50 x 60 cm


Teilmodelle der Wahrheit – Roy Mordechays neue Bilder bei Felix Ringel

Wie im Spiel zwischen Gestaltung und Erscheinung präsentieren sich die neuen Werke von Roy Mordechay in der Galerie Felix Ringel. Teilweise schichtet sich Fläche auf Fläche, verdichtet sich die Farbe, scheinen Linien einen freien, leichtfüßigen Spaziergang zu vollziehen und in der Bildfläche ihren eigenen Weg zu finden.
Aber der Blick des Betrachters bewegt sich auf den Bildflächen Mordechays wie auf dünnem Eis. „Morning Memory“ von 2014 zeigt Schichten zwischen Rosa, Weiß und hellem Gelb: Lichte Farbprozesse dominieren die Fläche. Kontrastierend bewegt sich das Bild „Night Memory“ von 2014 im finsteren Farbspektrum der Nacht. Alles erscheint zunächst als gefärbte Fläche. Davor ereignen sich spielerisch Linien. Überlegungen zur Perspektive bleiben in wenigen Strichen angedeutet und verlieren sich in angedeuteten Liniengerüsten.
Erinnerungen werden wach: Erinnerungen an das Licht des Morgens und das Licht der Nacht, aber auch Erinnerungen an die Malerei der Moderne, die die Komponenten der Bildfläche systematisch erforscht. Auffallend wichtig ist in Mordechays Bildern die Transparenz und Balance der Farbe, der Formen und des Lichts und dieser Aspekt ruft z.B. die Bilder Paul Klees aus seiner Weimarer Bauhauszeit in Erinnerung.
Auf den zweiten Blick gerät Mordechays spielerische Ordnung der Bildwelt jedoch aus den Fugen: Am Horizont der morgentlichen Farbenfrische wölbt sich in giftigem Farbklang – wie ein winziger Wurm – ein verkümmerter Regenbogen. Der Nachthimmel erscheint durch Linien wie in Schallwellen segmentiert – Schallwellen denen sich ein fragiles Gestell in rostigen Farbtönen rezeptiv zuzuneigen scheint – aber mit der Vergeblichkeit einer Ruine.
In „Next Station“ von 2014 verbildlicht sich Warten mit einer an Becketts „Godot“ erinnernden Hoffnungslosigkeit zwischen Moosgrün, giftig oxidiertem Türkisgrün und Türkisblau, die ein massives, künstliches Pink überwölbt. Die Farbbahnen erscheinen als Wege zur unerreichbaren nächsten Station – unerreichbar für eine in Linien eingesperrte schwarze Silhouette einer winzigen Menschengestalt, einer Menschengestalt, die in der Kontur des Wartens zeichenhaft verharrt.
Ein Hund taucht in verschiedenen Werken immer wieder auf, wie ein Leitmotiv, aber anders als Max Ernsts Vogel „Loplop“ visualisiert der Hund eine irritierende Doppelsinnigkeit: Einerseits merkwürdig hilflos erscheint er winzig und verloren an der Peripherie des Bildraums, andererseits zeigt der Hund bei längerer Betrachtung etwas Aggressives, das die Kräfte des Bildes in sich zu versammeln strebt.
Verschiedene Wahrheitsebenen werden in Mordechays Bildern sichtbar: Wahrheiten der Vergänglichkeit menschlicher Technik, Wahrheiten von bildlicher Gegenwart und verbildlichter Erinnerung, Wahrheiten systematischen Sehens mit Punkt, Linie und Fläche und Wahrheiten, die der Erkenntnis von Licht und Farbe mit äußerst reduzierten bildnerischen Mitteln eine dunkle Welt vergeblicher Ereignisse einschreiben. Bewusstes konfrontiert sich
mit Unbewusstem.
Eine weiße Tiergestalt wandert tapsig vor schwarzer Bildfläche; sie ähnelt klobigen Spielzeugformen. Plastisch tritt die Gestalt hervor und ihre schwarze Linienstruktur bläht sie massiv räumlich gegen die schwarze Fläche des Bildhintergrunds. Immer tiefer zieht der Schwarz/Weiß-Kontrast in den Schrecken: Die Gestalt enthüllt sich mit dem Gesicht einer Maske, der spitzen, gespenstischen Maske des Klu Klux Klan. Mordechays Bild von 2014
heißt „Can’t sleep“ und es ist in diesem Bild offensichtlich: Auch eine schlaflose Vernunft kann Ungeheuer gebären.
Schließend sei festgestellt: Roy Mordechay eröffnet in seinen neuen Werken zwischen Bildfläche und Bildraum eine Dialektik des Sichtbaren, in der der schmale Grad zwischen Spiel und Abgrund eine eigene changierende Gestalt gewinnt.

Irene Pelka, August 2014


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Next Station, 2014, Oil on canvas, 30 x 24 cm

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Recovery, 2014, Oil on canvas, 30 x 24 cm

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Can't Sleep, 2014, Oil on canvas, 60 x 70 cm

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Stage #4, 2014, Watercolor and ink on paper, 56 x 75 cm